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Deutsche Pässe und
türkische Gefühle:
Junge Autoren berichten
München (dpa)
- Knoblauch und Kümmel, Kopftuch und Koran: Aus solchen Begriffen setzt sich
für manchen Deutschen das Bild vom türkischen Mitbürger zusammen. Das Bild
beginnt zu verblassen, und Türken zweifeln inzwischen am Klischee vom Deutschen
als pünktlich, penibel, preußisch, perfekt.
Davon
jedenfalls sind Aysegül Acevit und Birand Bingül überzeugt. Gemeinsam haben sie
im Münchner Knaur Verlag ein Buch mit «Geschichten
aus Almanya» herausgegeben: 41 Beiträge von 26 deutsch- türkischen
Autoren zwischen 25 und 40 Jahren, mal witzig, mal wütend.
"Wir
wollten kein Buch machen, in dem philosophiert wird, was ein Türke oder ein
Deutscher ist. Wir haben authentische Geschichten gesucht, die das Lebensgefühl
junger türkischstämmiger Deutscher beschreiben, von Menschen der zweiten und
dritten Generation", erläutert Herausgeber Bingül. Kann man die Erlebnisse
Einzelner verallgemeinern? Ja und nein, meint er. Ja, weil sie authentisch
sind. Nein, weil nicht jeder die gleichen Dinge erlebe.
Viele
Prominente haben an dem Buch mit dem kompletten Titel «Was lebst Du? Jung,
deutsch, türkisch - Geschichten aus Almanya» mitgearbeitet, darunter
Schauspieler, Musiker, Regisseure. Cem Özdemir, der für die Grünen im
Europaparlament sitzt, schildert seinen Werdegang. Der Kabarettist Django Asül
merkt spöttisch an, dass für ihn Deutschland, Österreich oder die Schweiz
Ausland sind, denn er ist Bayer, Niederbayer genauer gesagt. Aber auch Bayern
sei nicht sein Vaterland, denn sein Vater komme nun mal aus der Türkei.
Noch
komplizierter wird es bei Erdogan Atalay. Der Vater ist Türke, die Mutter
Deutsche. Der durchs Fernsehen bekannt gewordene Schauspieler («Alarm für Cobra
11») fragt: "Was bin ich? Ein Deutscher mit türkischem Vater? Ein Türke
mit deutscher Mutter? Ein Deutscher mit türkischem Namen? Ein Türke, der kein
Türkisch spricht? Ein in Deutschland geborener Halbtürke?"
Offenbar
fällt es Deutschen schwer, Andersaussehende als Deutsche zu akzeptieren. Die
Autoren, die in dem 256 Seiten starken Band zu Wort kommen, sind in der Regel
hier geboren, hier zur Schule gegangen, sprechen besser deutsch als türkisch,
haben einen deutschen Pass. Wieso hält man sie für Ausländer, nur für
Ausländer? "Wir sind unter anderem türkisch, aber wir wollen uns nicht auf
das Türkischstämmige reduzieren lassen", sagen die Herausgeber unisono.
Die Gruppe
der türkischstämmigen Deutschen zwischen 25 und 40 Jahren umfasst etwa 600.000
Menschen, schätzt Bingül. Er spricht Türkisch mit deutschem Akzent, hat für
einen deutschen Sportverband internationale Wettkämpfe bestritten, hat bei der
Bundeswehr "mit deutschem Klappspaten Gräben ausgehoben" und fragt:
"Kann man sich deutlicher zu einer veränderten Realität bekennen?"
Die dritte
Generation sieht das Verhältnis zur Türkei distanzierter als jene Gastarbeiter,
die in den 60er Jahren kamen und womöglich den Kulturschock vom anatolischen
Dorf zur Industriemetropole verkraften mussten. Unliebsame Zwischenfälle an der
Grenze tragen heute zur kritischen Sicht bei. Da macht ein Grenzbeamter
Schwierigkeiten, weil der Mann mit dem türkischen Namen im deutschen Pass kaum
Türkisch spricht. «Ich spucke auf Leute wie euch», musste sich Bingül im
Heimatland seiner Eltern anhören.
Wie
verkraftet es die selbstbewusste junge Generation, wenn im Supermarkt "Du
Türkensau!" gerufen wird, wie es Aysegül Acevit widerfuhr? "Es
verletzt, es macht wütend", schildert die 37-Jährige. Zum Glück hat sie
auch ganz andere Dinge erlebt. Da war Tante Marianne, eine alleinstehende
Nachbarin, die sie und ihren kleinen Bruder wie eigene Kinder liebte, die mit
ihnen etwas unternahm, wenn die Mutter arbeiten ging. Auf den Grabstein von
Marianne möchte Aysegül schreiben: "Hier ruht die Frau, die uns mit ihrer
Liebe die Erde dieses Grabes zur Heimat machte."
Canan
Büyrü, gebürtiger Bochumer und wissenschaftlicher Mitarbeiter der
Ruhr-Universität, betont, er sitze keineswegs zwischen zwei Stühlen: "Ich
sitze in einem Sessel aus feinem türkischen Stoff, hergestellt in deutscher
Wertarbeit, und es sitzt sich gut in diesem Sessel."
Sie suchen
ihren Platz in der deutschen Gesellschaft. Sie wissen: Sie sind deutscher, als
ihre Eltern es waren, und türkischer, als es ihre Kinder sein werden. Aber ist
das nicht Unsinn, deutsch steigern zu wollen - deutsch, deutscher, am
deutschesten, fragt Birand Bingül. Einer seiner Autoren bringt es auf die
Formel: "Unsere Pässe sind mittlerweile deutsch, und unsere Herzen fühlen
türkisch."
© DPA 2005